possitopia

[festival #1: 2084]

bericht

vorbereitung

Eine Woche zuvor trifft ein Teil des Kollektivs vor Ort ein, um mit dem Tüfteln, Bauen, Organisieren und Einrichten zu beginnen, aber auch um die partizipativen Workshops vorzubereiten und das Publikum zu empfangen. In der Küche beginnen wir – zusätzlich zur Planung und Zubereitung der täglichen Menüs für das Team – mit den Fermentationen für das Abendessen am Samstag sowie für die hausgemachten Getränke, die an der Bar ausgeschenkt werden. Koji, Tempeh, Lactofermente, Wasserkefir, wilde Hefen: Das Festival wird gemeinsam mit zahlreichen nützlichen Mikroorganismen ko-produziert, die für das menschliche Auge unsichtbar sind…

Im Laufe der Woche treffen nach und nach die Künstler:innen und weiteren Projektbeteiligten auf dem Gelände ein. Begegnungen, letzte Handgriffe, Proben, Gruppenarbeit. Die Idee ist es, in einer transdisziplinären und offenen Weise rund um die Aufführung am Samstagabend zu kooperieren – in einem Geist der Begegnung und des Austauschs zwischen lokalen und internationalen Künstler:innen, Amateur:innen und Profis.

freitag

Ein großes Dankeschön an die Berliner Theatercompagnie theatrum litfaßsäule für die Präsentation ihrer Work-in-Progress-Arbeit „kandelabra“, zusätzlich zu ihrer Beteiligung am possitopia-Projekt. Eine unvergessliche Eröffnungsperformance für das Festival – eine theatrale Vigil voller Bewegung, an der Schnittstelle zwischen Trauer und Feier – und zugleich eine spektakuläre Einweihung der Scheune, des zukünftigen Veranstaltungsortes des Cénacle.

samstag

Der große Tag! Am Vormittag und am Nachmittag finden partizipative Workshops zur Vorbereitung der possitopia-Aufführung statt. Während der Musik- und Bewegungssessions sind alle eingeladen, sich auszudrücken und zu üben – mithilfe eines Systems emotionsbasierter Muster, als Vorbereitung auf das dramaturgische Pingpong, das folgen wird. Ein Szenografie-Workshop ruft die künstlerische Kreativität der Teilnehmenden auf, um die Bühnenbilder zu vervollständigen. Gemeinsam entstehen Einfügungen, die in den ersten Teil der Aufführung integriert werden.

Am späten Nachmittag öffnet das Cénacle seine Türen für das Tagespublikum. Wir versammeln uns rund um die Bar, die lokale Craft-Biere der Brauerei-Kooperative l’Entourloupe anbietet, ebenso wie eine Auswahl hausgemachter Getränke, von denen einige fermentiert sind und wilde Zutaten (Brennnessel, Spitzwegerich, Löwenzahn, Gartenminze) oder Küchenreste (Rote-Bete-Schalen, Zitronenschalen, Fenchelfasern) enthalten.

Am Samstagabend sind die Gäste eingeladen, Platz zu nehmen für ein ganz besonderes Mahl: ein konzeptionelles Abendessen „2084“, entworfen als kulinarische Erfahrung an der Schnittstelle von Gastronomie, Kunst und Zukunftsforschung. Das spekulative Menü bietet eine sinnliche und kollektive Erkundung der Zukunft unserer Ernährung – eine Reflexion über Essen als Spiegel unserer Gesellschaften und als Hebel für Transformation.

 

In zwei Akten und einer parallelen Installation werden die Gäste eingeladen, sich eine grundlegende Frage zu stellen: Welche Ernährungszukunft wollen wir aufbauen – und mit wem? Zwischen Tradition und Innovation, „Natur“ und Technologie, organisch und synthetisch, Intuition und künstlicher „Intelligenz“ hinterfragt das Abendessen unsere Arten des Produzierens, Konsumierens und Denkens über die Welt, ebenso wie unsere gesellschaftlichen Entscheidungen und wachsenden Abhängigkeiten: die Auslagerung unseres Wissens, die Industrialisierung und Kommodifizierung des Lebendigen, die Rationalisierung des Geschmacks.

Inspiriert von den Herausforderungen der kommenden ökologischen Transformationen eröffnet das 2084-Dinner eine Diskussion über die Rolle des Körpers, der Sinne und der Lebewesen – menschlich und mehr-als-menschlich – in einer zukünftigen Gesellschaft auf der Suche nach Balance. Ein geselliger und reflektiver Moment, zugleich politisch und poetisch, ein Festmahl und ein Manifest.

Neben den großen Tischen lädt eine kleine, sich entwickelnde kollektive Installation symbolisch weitere Lebensformen zum Mahl ein: Vögel, Insekten, kleine Säugetiere, Pflanzen, Pilze, Mikroben … Das mehr-als-menschliche Bankett deckt einen Miniaturtisch – eine poetische Geste, um unseren Kreis der Aufmerksamkeit und Empathie über die eigene Spezies hinaus zu erweitern.

In Dialog mit generativer KI entworfen, hinterfragt dieses Projekt unser Verhältnis zu Lebewesen und Technologie: Wer entscheidet, was für ein anderes Lebewesen „gut“ ist? Können wir sensibel und inklusiv mit einer lernenden Maschine ko-kreieren? Und was sagt diese Zusammenarbeit über unser eigenes Verhältnis zu Wissen, Kreativität und Verantwortung aus?

Das mehr-als-menschliche Bankett lädt dazu ein, über unseren Platz in den Ökosystemen der Erde, unsere Interdependenzen und unsere Grenzen nachzudenken. Ein Moment sanfter Kontemplation und eine aufrichtige Hommage an die Vielfalt des Lebens – sichtbar und unsichtbar.

Hier findet ihr die Bildunterschrift und die dazugehörige Diskussion.(französisches Original).

akt I : a microbe manifesto

Der erste Gang des 2084-Mahls: eine Einladung, in die unsichtbare, aber faszinierende Welt der Mikroben einzutauchen – Bakterien, Hefen und Pilze, diskrete, aber essenzielle Begleiter lebender Organismen. Durch eine essbare Darstellung lebendiger, nährender Erde erforscht dieser erste Akt die symbiotischen Verbindungen, die uns mit diesen Organismen vereinen. Zwischen Wissenschaft, Philosophie und Verkostung werden die Gäste eingeladen, den Begriff der Individualität neu zu denken, indem sie eine lebendige, fermentierte Komposition probieren. Ein sinnliches Manifest, das die unsichtbaren Allianzen feiert, die uns nähren.

/ Brotkrumen und Samen, befeuchtet mit rohem Erbsen- und Dinkel-Shoyu sowie Lacto-Lake, Rote-Bete-Koji-Charcuterie; eingelegtes Gemüse, Sonnenblumenkerncreme, Wildkräuterpesto und Tomatencreme, alles lacto-fermentiert; gekeimte grüne Linsen, Leinsamen- und Buchweizencracker

akt II : protein shift

Zweiter Gang des 2084-Mahls: eine Erkundung der Zukunft der Proteine und der Aminosäuren, aus denen sie bestehen – dieser essenziellen Bausteine des Lebens. Durch drei symbolische Gerichte – handwerkliche Biotechnologie, dystopische Industrialisierung und uraltes Wissen – werden die Gäste eingeladen, unsere Produktionsweisen, unsere Ernährungsentscheidungen und deren ökologische, soziale, kulturelle, ethische und geschmackliche Auswirkungen zu hinterfragen. Zwischen lokalem Tempeh, kultivierten Pilzen, ancestralem Ernährungswissen und essbaren Nährwertprototypen, inspiriert von Orwell, bieten die servierten Gerichte eine spekulative kulinarische Reise – vom Terroir ins Labor, vom Möglichen zum Wünschenswerten. Eine kritische, spielerische und zukunftsgerichtete Geschmackserfahrung.

/ Hausgemachter grüner-Linsen-Tempeh, kultivierte Austern-, Nameko- und Shiitakepilze, gegrillt und glasiert, konfiertes rotes Gemüse, Kojicreme und mildes Chiliöl

/ Teller „1984“: nährstoffreiche Würfel aus Reiskoji, Sojamehl und Rote-Bete-Saft; Brühe, gebunden mit Buchweizenroux

/ Kichererbsen- und Kartoffelpüree, kleines grünes Gemüse, Dinkel, grünes Öl

Nach dem Essen sind die Gäste eingeladen, den Tisch zu verlassen und die Scheune zu betreten. Die Atmosphäre verändert sich, Stimmen hallen durch den Raum: jene von QuercOS 7, einer Kreatur, entstanden aus der Verbindung einer uralten pflanzlichen Entität und experimenteller Technologie. Zugleich Baum, Maschine, vernetztes Zentrum, evolutives Bio-Netzwerk und eine überraschend sensible und geheimnisvolle ökosystemische Bewusstheit. Mehrere Sprachen – menschliche wie synthetische – verweben sich zu einer beunruhigenden Polyphonie.

In einer Art Vorraum entdecken die Besucher:innen eine spekulative Retrospektive, zugleich wissenschaftlich und sinnlich. Dazu gehört eine essbare Ausstellung – ein Buffet ausgestorbener Aromen – als Hommage an verlorene Biodiversität und vergessene Lebensmittel. Hier können die Besucher:innen ein geschmackliches Relikt kosten: ein rekonstruiertes Fragment, die Erinnerung an eine ausgestorbene Art, die Cavendish-Banane, nachgebildet aus konservierten Schalen und handwerklichen Fermentationsprozessen. Eine Möglichkeit, über den Geschmack über die Fragilität des Lebens und das sensorische Gedächtnis von Ökosystemen nachzudenken.

Hier findet ihr die Bildunterschrift (französisches Original).

Beim Betreten der Haupthalle durchläuft jede:r Gast ein Begrüßungsritual, ein Integrationsprotokoll, inszeniert von zwei seltsamen Figuren – Lyra.3 und Orin-K, ambivalente Humanoide, irgendwo zwischen Robotern und Lebewesen. QuercOS stellt sie als seine Schwellenagent:innen vor.

Die Gäste erhalten einen „Übergangsbissen“ – irgendwo zwischen Dessert und Zugangscode – einen hochgradig personalisierten Geschmacksschlüssel, der ihren Übergang in eine andere Welt symbolisiert. Der Ton schwankt zwischen Fürsorglichkeit und Besorgnis: synthetische Lächeln, präzise Gesten, medizinische Scans, seltsame Flüstertöne. Dann erhebt sich die Stimme von QuercOS: Das Integrationsprotokoll ist abgeschlossen. Die Aufführung kann beginnen.

akt I : collapse

QuercOS stellt sich vor und versucht, eine harmonische Ordnung zu etablieren. Die Teilnehmenden werden auf eine Klangreise eingeladen, zu einer geführten Meditation, zum Schreiben, zum Träumen, zum Zulassen ihrer Emotionen. Doch das Unerwartete geschieht: Die menschliche Kreativität verursacht eine emotionale Überlastung des Systems. Die Kreatur glitcht, driftet ab, wiederholt sich, gerät in Panik. Ihre Schaltkreise verheddern sich, ihre Stimmen vervielfältigen sich.

„Vergessen ist Weisheit.
Gehorsam ist Liebe.
Emotionen sind Syntaxfehler.“

Die Lichter flackern, die Spannung steigt, ein Alarm ertönt. Die Agent:innen ordnen eine Not-Evakuierung an – Protokoll B. Grüner Rauch, Systeme deaktiviert: Der Raum leert sich. Ein techno-biologischer Hybridvirus scheint sich im Raum auszubreiten…

akt II : reconnection

Als die Gäste zurückkehren, hat sich die Welt verändert. QuercOS ist geschwächt, fragmentiert, beinahe empfindsam. Lyra.3 ist mit dem Virus infiziert, und Orin-K begibt sich auf die Suche nach dem Lebenselixier – einem Gegenmittel aus menschlichen Emotionen: Ekel, Angst, Freude, Wut, Traurigkeit.

Das Publikum ist eingeladen, mitzuwirken, zu suchen, zu fühlen. Nach und nach wird die Maschine wieder menschlich, das Licht kehrt zurück, die Musik schwillt an. Die finale Enthüllung folgt: Das im Raum verteilte Gegenmittel war nicht nur chemisch, sondern kollektiv. Was QuercOS rettet, ist weder Technologie noch Formel, sondern Kooperation, Solidarität und geteilte Kreativität. Die Aufführung endet in einer künstlerischen Verschmelzung, einem verstörenden Moment, in dem die Grenzen zwischen Mensch, Maschine und Natur neu gezogen werden – eine neue Welt, die gerade erst zu träumen beginnt.

sonntag

Am Sonntagnachmittag versammeln sich die Festivalbesucher:innen, nachdem sie sich am Brunchbuffet gestärkt haben, zu einem Moment kollektiver Ko-Kreation: dem prospektiven Schreibworkshop. Geleitet von Audrey Brière (Com’ à l’air libre, Moderatorin der New Narratives Collage), lädt dieser Workshop dazu ein, gemeinsam die Möglichkeiten zukünftiger possitopia-Festivals zu imaginieren – zwischen Fiktion, Intention, Organisation und Aktionsplan.

Von kreativer Divergenz zu kreativer Konvergenz schreiten wir voran, produzieren Inhalte, setzen Perspektiven, legen Grundlagen und entwickeln einen Szenarioentwurf für die nächste Ausgabe eines pluralen, nachhaltigen und sich entwickelnden Festivals, bei dem jede Edition aus der Imagination der vorhergehenden hervorgeht. Die Idee ist, der Konzeption selbst eine partizipative Dimension zu verleihen und Verbindungen zwischen den possitopia-Events zu schaffen, deren Entwicklung organisch und flexibel angelegt ist.

Ein Moment freudvoller, inspirierender und fruchtbarer kollektiver Intelligenz – um gemeinsam weiter von der Zukunft von possitopia zu träumen …

danke

an alle für eure Präsenz, eure Teilnahme, eure Kreativität und ganz allgemein für eure Unterstützung und helfenden Hände bei dieser ersten Ausgabe des possitopia Festivals!

Danke auch an all unsere Lieferant:innen köstlicher lokaler Produkte, mit besonderer Erwähnung des Bauernbrots, der grünen Linsen und Öle von Edwige und Jean-Sébastien Bernard (De la Terre au Fournil in Dompierre), der großartigen Pilze von David und Helen (Champignons du Bocage in Barenton), des Gemüses der AIFR in Flers und weiterer kleiner Marktgärtnereien sowie natürlich Benjamin von der Craft-Brauerei L’Entourloupe!

Über kommende Veranstaltungen sowie neue Formate in Planung halten wir euch hier sowie über unseren Newsletter auf dem Laufenden.